Es waren zwei Königskinder – Über das Verhältnis von Philosophie und Spiritualität

Vorbemerkung

Manchmal verfolgt einen ein einziger Gedanke eine lange Zeit. Zunächst erscheint er beiläufig, einem Nebensatz gleich. Er blitzt, händchenhaltend mit anderen Gedanken auf und verblasst ebenso schnell wieder. Doch er hat etwas angestoßen, etwas hinterlassen. Er ist wie ein Same, der gesät wurde und der sich im Schatten des Bewusstseins langsam zu einer Pflanze entwickelt. Einer der Gedanken, der sich in den letzten Jahren in mir regte, ist auch zu diesem Zeitpunkt noch keine Pflanze. Er ist noch nicht einmal ein Pflänzchen; bestenfalls ein Keimling. Diesem Keimling möchte ich hier etwas Raum zur Entfaltung verschaffen.

Dieser Text ist keine wissenschaftliche Arbeit – zumindest nicht in einem Sinne, den das Gesellschaftssystem Wissenschaft so bezeichnen würde. Einige Passagen mögen sich wissenschaftlich anhören und möglicherweise auch den Regeln entsprechen, die in diesem System herrschen. Doch das ist nicht das Ziel, mir geht es nicht um Regeltreue. Vielmehr möchte ich mir selbst einen möglichst freien Raum der (Selbst-)Erkenntnis schaffen. Dazu verstehe ich Wissenschaft in einem eher wörtlichen Sinne: Um Wissen zu schaffen, beobachten wir Welt, so wie sie sich uns zeigt; und wir beobachten unser eigenes Agieren und Reagieren mit und in ihr. Zugleich ist niemand von uns eine Insel und so sind wir ebenfalls von Wissen und Meinungen durchdrungen, die nicht unmittelbar uns selbst entstammen, sondern übernommen sind. Empirie1 und Kanon – ich möchte hier mit beidem umgehen. Dort, wo ich Eigenes und Übernommenes auseinanderhalten kann, und das ist die einzige Anlehnung an „wissenschaftliches Arbeiten“, mache ich das kenntlich. Darüber hinaus möchte ich meinem Perfektionismus weniger Energie zukommen lassen und mich dem Unfertigen und dem Prozesshaften öffnen.

Das Thema bringt es mit sich, dass ich, wenn ich von „Beobachtungen“ spreche, innere und damit wenig „objektive“ Beobachtungen meine. Doch obwohl die Natur der Erfahrung dieser inneren Phänomene einerseits zutiefst subjektiv ist, finden sich in Gesprächen mit anderen Menschen immer wieder ähnlich beschriebene subjektive Erfahrungen. Oder anders ausgedrückt: Es finden sich Erlebnisse und innere Zustände, die von verschiedenen Menschen in sehr ähnlichen Worten ausgedrückt werden und so eine Verständigung über dieses Erleben zulassen. So bin ich zuversichtliche, dass meine Intention verstanden wird, trotz aller Unklarheiten, Anmaßungen und Fehler, die ich hier produziere.

Zwei Königskinder
Was ist also der Gedanke, der mich umtreibt?
Es geht um dieses merkwürdige Verhältnis, das Philosophie und Spiritualität miteinander verbindet. Oder vielleicht besser: Es geht um dieses merkwürdige Missverhältnis, dieses Nebeneinander, und um das, was Philosophie und Spiritualität voneinander fernhält.
Wenn ich mir vergegenwärtigen, welche Fragen die Philosophie stellt (siehe nächster Absatz), so fällt es mir nicht nur leicht, eine Verbindung zwischen Philosophie und Spiritualität zu sehen, sondern viel mehr zu realisieren: Beide sprechen von ein und demselben. Weshalb wird dann aber, vor allem an Universitäten und in Unternehmen, vielfach immer noch nur hinter vorgehaltener Hand über Spiritualität gesprochen, während es die Philosophie zu einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin gebracht hat, Unternehmen sich mit einer „Firmenphilosophie“ schmücken und im Management „Führungsphilosophien“ diskutiert werden?2 „Spirituelles Führen“ taucht als Stichwort zwar mittlerweile auf, ist aber noch weit davon entfernt, sich einer flächendeckenden Akzeptanz zu erfreuen; von Spiritualität als Schul- oder gar Studienfach ganz zu schweigen. Weshalb eigentlich steht Spiritualität in dem Verdacht, esoterisch3 und damit unwissenschaftlich zu sein, während Philosophie völlig frei von dieser Beschuldigung zu einer Königsdisziplin der geisteswissenschaftlichen Betätigung aufgestiegen ist? Mein Eindruck ist darüber hinaus, dass sogar in etablierten religiösen Kontexten nicht (offen) über Spiritualität gesprochen wird. Statt dessen wird an Universitäten „Theologie“ gelehrt.

Das Wort „Philosophie“ setzt sich aus den beiden griechischen Wörtern „phílos“ (liebend, Freund) und „sophía“ (Weisheit) zusammen. Die Philosophie ist demnach die „Liebe zur Weisheit“ und der Philosoph entsprechend der „Freund der Weisheit“. Ursprünglich bezog sich diese Weisheit auf die Erkenntnisse beliebiger Wissensgebiete. Ein Mensch beispielsweise, der in der Rhetorik geschult war und hier viel Wissen und Erfahrung angehäuft hatte, galt als weise. Erst mit dem Auftreten Sokrates und Platons (etwa um 400 v. Chr.) kommt es zu einer Umdeutung. Ab jetzt ist ein Philosoph ein Mensch, der im Allgemeinen und unabhängig von einzelnen Disziplinen nach wahren Antworten auf die Fragen nach dem „Sinn des Lebens, (dem) Wesen der Welt und (der) Stellung des Menschen in der Welt, (…) (den) letzten Gründe des Seins“ sucht.4
Das lateinische Verb „spirare“, das dem Wort „Spiritualität“ zugrunde liegt, hat die Bedeutung von „blasen“, „hauchen“, „atmen“ oder „leben“. Die substantivierte Form „Spiritus“ bezeichnet den „(Lebens)Hauch“ oder „Geist“.5

Geist, Atem – das sind, nicht nur in den großen Schöpfungsmythen, Synonyme für Leben schlechthin. Etwas, das durch den „Odem des Lebens“6 erfüllt wird, das vom Geist beseelt ist, lebt. Einfacher und klarer lässt es sich kaum ausdrücken. Und hier wird bereits der für mich größte Unterschied zwischen Philosophie und Spiritualität deutlich: Während sich die Philosophie auf die Suche nach Antworten auf Fragen macht, ist Spiritualität eine Entität, etwas Seiendes – das Erleben des Lebens an sich.7 Spiritualität ist, anders formuliert, das direkte und unmittelbare Erleben, während Philosophie über es spricht und damit das Erleben zu einer Erfahrung gerinnen lässt.

Der Unterschied zwischen beiden Königskindern ist also kein, wie ich zunächst unterstellt habe, artifizieller. Er ist keine künstliche, von der Philosophie (und damit vom Verstand) geschaffene Barriere, um sich abzugrenzen. Vielmehr erscheint er mir nun als ein zwingender, ein naturgegebener Schied, der sich nicht überwinden lässt. Philosophie ist also der beschreibende Ausdruck von Erlebtem und damit die einzige Möglichkeit, unbeschreibbares zu beschreiben, unbenennbares zu benennen, unvermittelbares zu vermitteln. Philosophie ist die einzige Möglichkeit, die wir haben, wenn wir Worte (und jedwede Art von Zeichen) verwenden möchten. Und wir müssen Zeichen verwenden, sonst wäre die Welt nicht nur still – sie wäre entvölkert (denn wir würden an Vereinsamung sterben).

An dieser Stelle wird ein Dilemma deutlich. Bereits eine Erfahrung8 ist ein „danach“, ein gedankliches Konstrukt. Für das, auf was mit der Beschreibung einer Erfahrung hingewiesen werden soll, lassen sich – ich möchte sagen: naturgemäß – keine Worte finden. Dieser Sachverhalt birgt immense Schwierigkeiten und ist vielleicht sogar die Basis all unserer zwischenmenschlichen Konflikte. Denn in unserem Alltagsbewusstsein ist es uns nur schwer möglich, unsere jeweiligen Erfahrungen und das, auf was durch sie hingewiesen wird, auseinanderzuhalten. Wir verwechseln das Sein mit unserer Erfahrung des Seins. Wir verwechseln unser unmittelbares Erleben des Lebens mit dem, was wir erst „danach“ als Erfahrung beschreiben. Und wir haben keine Möglichkeit, diesen Umstand zu umgehen (wohl aber, mit ihm umzugehen). Möglicherweise ist das einer der Gründe, weshalb gerade in der wissenschaftlichen Welt (aber auch im Wirtschaftssystem) Spiritualität eher gemieden wird.

Unser Erleben des Lebens ist intensiv und lädt bisweilen zu Schwärmereien ein. Und in einer Emanzipation der Vernunft (und dem darauf folgenden Diktat der Verstandes), wie sie durch die Aufklärung seit Mitte des 16. Jahrhunderts beworben wurde, hatten solcherlei „Subjektivitäten“ wahrscheinlich einfach wenig Platz.
Doch bei aller Beschränkung, die Worte mit sich bringt – verwenden wir Philosophie auf eine Art, die ihr wirklich entspricht?
Wenn ich Menschen zuhöre, die aus einer tiefen Seins-Erfahrung heraus sprechen, ist da – neben den Worten – spürbar noch etwas Zweites im Raum. Da ist etwas, dass sich subtil wahrnehmen lässt, ein Schwingen, etwas, das eine bestimmte Resonanz in uns auslöst … Ich bin der Überzeugung, dass dieses subtile Etwas substanzieller Bestandteil dessen ist, was ich hier als Spiritualität bezeichne. Diese Komponente erscheint mir gewissermaßen als der Anteil, der Worte erst mit einer Lebendigkeit füllt, die sie für sich genommen nicht haben. Philosophie, vor allem jene, wie sie an Universitäten betrieben wird, scheint mir dieses subtilen, emotionalen Aspektes weitestgehend beraubt. An die Stelle, an der in der Spiritualität Worte aus diesem Schwingen, diesem Resonieren geboren werden, setzt die Philosophie die Vernunft, die rationale Argumentation, die Logik.9 Das Herleiten, also das Gewinnen von Aussagen aus anderen Aussagen, erlangt die Oberhand. Die Schlüssigkeit der eigenen Argumentation wird für wichtiger erachtet, als die Resonanz, die die Worte formt, die wiederum Resonanz in mir selbst und in meinem Zuhörer auslöst. Was als quasi-sportliche Disziplin Spaß machen kann (wer hat die besseren Argumente, wer erkennt am schnellsten Kausalzusammenhänge, wer argumentiert am strengsten der Logik folgend?), wird bei einer Ausschließlichkeit zu intellektuellem Autismus. Echter Dialog ist so kaum möglich.

Weil, wie oben beschrieben, Philosophie immer und ausnahmslos – natürlich – „geschieht“, sobald ein Erleben als Erfahrung beschrieben wird, erschien es mir zunächst sinnvoll, eine „authentische Philosophie“ von einer „akademischen Philosophie“ zu unterscheiden. Zugleich habe ich jedoch die Befürchtung, dass das zur Verwirrung beitragen könnte und so bleibe ich bei den beiden Hauptbegriffen:
„Spiritualität“ als ein authentisches und integrales Sprechen über Erlebtes und
„Philosophie“ als sein akademisches, auf Vernunft reduziertes Pendant.
Letztlich ist beides Philosophie, denn beides ist ein „Danach“.

Wiederanschluss
Es gilt also, Philosophie, vor allem in akademischen (und wirtschaftlichen, politischen, etc.) Zusammenhängen, wieder mehr an ein persönliches Erleben zu koppeln. Das gelingt schlicht durch den (Wieder)Anschluss an einen Körper, anstatt, wie bisher beinahe ausschließlich, lediglich an einen Kopf. „Körper“ verstehe ich hier als die Zusammenfassung kognitiver, sinnlicher und intuitiver Aspekte, als die Gesamtheit des Wahrnehmens, die uns zur Verfügung steht. Durch diesen Anschluss wird (akademische) Philosophie (wieder) zu einer integralen Philosophie. Sie wird das, was sie eigentlich schon immer war: der Ausdruck einer Zusammenschau.

Um das noch einmal zu betonen: Mir geht es nicht darum, Vernunft sowie die Möglichkeiten und Leistungen des Verstandes zu verdammen. Im Gegenteil – die Aufklärung, die, wie oben angedeutet, gesellschaftsweit den Anstoß gab und das Primat des Verstandes mit all seinen Spielarten zum Erblühen brachte und damit eine Befreiung aus der Diktatur der Religion ermöglichte sowie eine Zeit der immensen (technischen) Entwicklung nach sich zog, war eine Notwendigkeit. Zugleich wird uns heute klar, dass wir in der Überbetonung dieser kognitiven Seite eine andere Seite vernachlässigen.

Renaissance der Philosophie
Entwicklung – gleich, ob individuell oder gesellschaftlich – geht in Zyklen vonstatten. Das mag der Grund dafür sein, dass es bisweilen den Anschein hat, Geschichte (also, Entwicklung auf der kollektiven Ebene) würde sich wiederholen. Das tut sie nicht. Statt dessen, stoßen wir durchaus auf dieselben Fragen und Herausforderungen – allerdings auf einer anderen Entwicklungsstufe. Den Stand unserer Entwicklung können wir daran ablesen, wie wir mit diesen „alten“ Fragen umgehen. So ist es beispielsweise ein Ausdruck von Entwicklung, von einem „Wie kann ich satt werden?“ zu einem „Wie können wir satt werden?“ zu gelangen. Die Frage bleibt im Prinzip dieselbe, doch ihre Beantwortung zeigt sich in der Entwicklung vom Egozentrismus zum Gemeinschaftssinn. Eine solche Bewegung kann in vielen kleinen Schritten vonstatten gehen und mehre Jahrzehnte oder gar Jahrtausende dauern: Ich – meine Familie – meine Verwandten – meine Gruppe – mein Territorium – mein Land – meine kulturelle Familie – mein Planet – die Menschheit – alles fühlende Leben – Leben …
Kollektive Entwicklung ist die individuelle Entwicklung eines Großteils von Menschen in einem mehr oder weniger abgegrenzten Raum. Zugleich ist sie jedoch auch mehr, als nur die Summe ihrer Teile. Sie gebiert etwas Neues, etwas, das über die Entwicklung des Einzelnen hinausgehen und ihrerseits wieder als Inspiration und Keimzelle zu einer nächsten Stufe individueller und kollektiver Entwicklung beitragen kann.
Mir scheint, als stünden wir an einer solchen Schwelle. Der Schritt über diese Schwelle bringt zusammen, was wir aus Gründen der Emanzipation des Verstandes getrennt haben. Doch dies ist keine Bewegung zurück, es ist kein Rückfall in eine ursprüngliche Zeit, in der es nur eine unscharfe Trennung zwischen Welt und magisch-spirituellen Erfahrungen gab und in der diese Form der „Spiritualität (…) bis zur Entwicklung der klassischen Religionen ein alltägliches Verhaltensmuster“ war.10 Vielmehr nehmen wir die Errungenschaften, die wir durch die Vorherrschaft des Verstandes angesammelt haben und bringen sie wieder mit den abgespaltenen Anteilen in Kontakt. Dadurch entsteht etwas Neues. So muss die „aufgeklärte“ Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften Spiritualität nun nicht mehr ausschließen. Mehr und mehr trauen sich Naturwissenschaftler die Grenzen ihres Faches in authentisch-philosophische Worte zu fassen.11 In Bezug auf die Renaissance einer integralen Philosophie kann das bedeuten, dass wir in der Beschreibung unserer Erfahrungen erlebten Lebens auf kollektiver Ebene eine Qualität erreichen können, wie wir sie bisher nur von einzelnen Persönlichkeiten kannten.

Weisheit – Ursprung oder Ziel?
Das altgermanische Wort „weise“ leitet sich von „wissen“ ab, dessen Wurzeln sich im indogermanischen Begriff „ueid“ finden lassen, was „erblicken, sehen“ und auch „gesehen haben“ bedeutet.12 Die substantivierte Form „Weise“ ist in diesem Zusammenhang das „Aussehen“ oder die „Erscheinungsform“13; übertragen also „das Gesehene“, „das Erblickte“. „Weisheit“ lässt sich demnach als der Zustand beschreiben, den jemand durch das „Erblicken“ erlangt. In der (christlichen) Mystik wird häufig das Wort „Schau“ verwendet14, das sich in diesem Zusammenhang besonders anbietet.
Wissen und Weisheit sind der Wortbedeutung nach miteinander verwandt. Weisheit, so lässt sich zusammenfassen, ist eine Form des Wissens, die einer tiefen Erkenntnis entspringt.

Philosophie ist aufs Engste an das Sprechen (und in seinem Gefolge auch das Schreiben) gebunden. Das ist, wie oben ausgeführt, zunächst offensichtlich – ist doch Philosophie der Versuch, erlebtes Leben auszudrücken, tiefe Erfahrungen mitzuteilen. Doch das Sprechen ist nicht der Sinn der Philosophie, ist nicht ihr Zweck – es ist ihr Mittel. Seinen Sinn verrät das Wort „Philosophie“ selbst: Als „Liebe zur Weisheit“ dient sie dem einen Zweck, weise Antworten auf Fragen das Leben betreffend zu geben. Hierin äußert sich eine weitere Differenz zwischen einer authentischen Philosophie und ihrer akademischen Ausprägung. Während akademisch der Versuch unternommen wird, durch Schlüsse, Herleitungen und Logik zu weisen Antworten zu kommen, spricht Spiritualität, authentische Philosophie, aus der Weisheit. Und ein Sprechen aus der Weisheit führt automatisch zu weisen Aussagen. Damit bezweifle ich, dass weise Antworten ausschließlich auf dem Weg der Kognition überhaupt gegeben werden können.

Liebe
Unser Verstand alleine gebiert keine Weisheit. Vielmehr braucht es etwas Verbindendes, etwas, das unsere kognitiven Fähigkeiten in einen „sinnvollen“ Rahmen stellt. Die Suche nach diesem Etwas, führt uns einmal mehr zur Wortbedeutung der Philosophie als der „Liebe zur Weisheit“. Der Schlüssel, der uns aufschließt für die Weisheit, ist die Liebe. In diesem Sinne möchte ich den Philosophen nicht als „Freund der Weisheit“ bezeichnen – vielmehr ist er ihr Liebhaber. Spiritualität zeugt von dieser Liebe. Da schwingt Nähe, Berührtsein, Berührung mit. Liebende sind einander zugewandt. Es geht darum, eine Raum zu eröffnen, in dem beide einander sehen. Weisheit ermöglicht einen solchen Raum. Die Sprache der Philosophie ist eine Sprache der Liebe. So ist es kein Zufall, dass authentisch-philosophische – spirituelle – Texte häufig poetisch anmuten. Khalil Gibran ist hier sicherlich einer der poetischsten Philosophen, doch ich möchte auch Martin Buber oder Epikur in diese Reihe stellen. Worte dieser Qualität lassen sich schwerlich finden, wenn nicht der gesamte Körper als Resonanzraum miteinbezogen wird. Aus der Liebe zu sprechen, ist ohne die Beteiligung des ganzen Körpers kaum möglich. Fragen nach den letzten Gründen des Seins beantworten zu wollen und dies ausschließlich verstandesgeführt zu tun, ist, als würden zwei Liebende sich niemals küssen.

Doch nicht nur die Poesie findet einen wortgewaltigen Umgang mit einem Erleben, das aus der Unmittelbarkeit in die Mittelbarkeit drängt. So lässt sich durchaus sachlich und klar über tiefe Erfahrungen und ein daraus folgendes Denken und Handeln sprechen. Besonders dort, wo neben weisen Sentenzen auch “Weisheitsübungen“ – also Übungen, durch die sich weises Denken und Handeln kultivieren lässt – transportiert werden. Beredte Beispiele hierfür sind im abendländischen Raum die Schriften Meister Eckeharts oder das Übungsbuch „Die Wolke des Nichtwissens“ eines unbekannten mittelalterlichen Mönchs. Einen expliziten Übungsweg verfolgen vor allem Philosophien östlicher Traditionen. Auch hier finden sich beide Wege: Der eher sachliche Weg von Übungsanweisungen und darüber hinaus ein poetischer Ausdruck, der sich beispielsweise im Tao Te King von Lao Tse auf besonders schöne Weise offenbart.15 Aber auch aktuelle Schriften lassen sich anführen. So zum Beispiel „Ein Kurs in Wundern“. Dieses Werk ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, beides – poetische sowie sachliche Ausdrucksweisen – miteinander zu verbinden. So ist „A Course in Miracles“ im Original in großen Teilen im fünffüßigen Jambus, dem Versmaß Shakespeares, verfasst. Aber auch die Predigten und Traktate Meister Eckeharts, die ja vornehmlich als Unterweisungen gedacht waren, entbehren nicht eines gewissen poetischen Schwingens, desgleichen die Texte des spanischen Mystikers San Juan de la Cruz. Zuletzt möchte ich aber auch die vielen Metaphern und Geschichten, die in asiatischen wie in europäischen Denktraditionen zur Veranschaulichung von philosophischen Fragen und Problemen herangezogen wurden, erwähnen.16
Insgesamt, so ist mein Eindruck, fällt es vor allem den Mystikern aller Traditionen zu, in der Philosophie beide Wege zu beschreiten: den Gesang der Liebenden ebenso zu singen, wie sachliche Erklärung zu geben. So mag es nicht verwunderlich anmuten, dass für mich authentische Philosophie vor allem aus der Mystik kommt.

Résumé
Philosophie ist die einzige Möglichkeit, die sich uns offenbart, wenn wir tiefe persönliche Einblicke ins Leben beschreiben möchten. Gelingt das, sind die Worte, die hervorgebracht werden, authentisch. Sie werden vom Verstand formuliert, doch ihre Wurzeln liegen jenseits unserer kognitiven Erfahrung von Welt. Das ist nicht nur mit den Ohren wahrzunehmen. Jede Ebene wird berührt und daher ist diese Resonanz in unserem gesamten Körper spürbar.17 Dies ist Teil dessen, was ich als authentische Philosophie, als Spiritualität beschreibe. Philosophie in ihrer akademischen Ausprägung hingegen scheint mir eine Art kastrierte Spiritualität zu sein, ein Versuch, zu umschreiben, ohne jedoch die persönliche Erfahrung mit ins Spiel zu bringen und stattdessen zu intellektualisieren. Martin Buber findet dafür Worte, wenn er zwischen „Ich und Du“ und „Ich und Es“ unterscheidet.18 Die akademische Philosophie beschneidet das Du zu einem Es.

Vielleicht offenbaren sich hier ähnliche Aspekte, wie wir sie aus den Religionen kennen. Vor allem die monotheistischen Religionen neigen dazu, Erfahrungen in Form von Regeln und Dogmen zu kristallisieren. Regeln waren in diesem Zusammenhang möglicherweise einmal Teile eines Übungsweges und in sofern eher Ratschläge und Anleitungen, als Gesetze. Doch im Laufe der Zeit, das heißt, wenn eine Erfahrung von Mensch zu Mensch und von Generation zu Generation als Erzählung und damit weitestgehend intellektuell weitergegeben wird, so ließe sich phantasieren, nahm die persönliche Berührtheit ab und die Regeln in einem äquivalenten Maße zu.

Bisher habe ich vorausgesetzt, dass ein Philosoph diese tiefen Erfahrungen gemacht hat, bevor er über sie spricht. Vielleicht urteile ich damit zu streng. In den Religionen kommt hier das Wort „Glaube“ ins Spiel. Der Glaube ermöglicht es Menschen, die keine tiefe Seinserfahrung gemacht haben, dennoch Weisheit und Sinn zu kultivieren. Möglicherweise ist es in der Philosophie ähnlich. Vielleicht reicht die Sehnsucht danach aus, die Ahnung, dass es einen tieferen Zugang gibt, als den, den wir über unser Alltagsbewusstsein erreichen, um in Worte zu fassen, was für den Verstand alleine zu groß ist. Dennoch tun wir es – welche Wahl hätten wir? Zugleich ist mein persönlicher Eindruck, dass Philosophie an Universitäten häufig als rein intellektuelle Betätigung gelehrt und gelernt wird. Daran ist nichts falsch. Philosophie wird dadurch schlicht weniger und schöpft ihr Potenzial nicht aus. Im besten Fall löst sie, auch stark beschnitten, in einem Menschen eine „Erinnerung“ aus.19 Im schlechtesten Fall nährt sie Egos. Dazwischen ist alles möglich.

Das Ziel beider Königskinder ist Weisheit in Form eines weisen Denkens, Sprechens und Handelns.

„Denn Weisheit ist letztlich nichts anderes als das Maß unseres Geistes, wodurch dieser im Gleichgewicht gehalten wird, damit er weder ins Übermaß ausschweife, noch in die Unzulänglichkeit falle. Verschwendung, Machtgier, Hochmut und ähnliches, womit ungefestigte und hilflose Menschen glauben, sich Lust und Macht verschaffen zu können, lassen ihn maßlos aufblähen. Habgier, Furcht, Trauer, Neid und anderes, was ins Unglück führt – wie die Unglücklichen selbst gestehen – engen ihn ein. Hat der Geist jedoch Weisheit gefunden, hält dann den Blick fest auf sie gerichtet (…), dann brauchte er weder Unmaß, noch Mangel, noch Unglück zu fürchten.“20

Doch ist Weisheit außerhalb eines integrierten Zusammenhangs möglich? Ist eine Erkenntnis „weise“ zu nennen, wenn der Weg zu ihr vornehmlich über einen Kanal, in diesem Fall die Ratio, führt? Weisheit hat, wie Augustinus es formuliert, ausgleichende, einbeziehende Qualitäten – und nicht ausschließende, wie es die Überbetonung des Rationalen zwangsläufig mit sich bringt. Ein Denker ist noch kein Philosoph. Er muss auch ein Liebender sein.

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  1. „Empirisch“ – „auf Erfahrung, Beobachtung beruhend“ – ist dem Griechischen entlehnt und bedeutet in seinem Ursprung „im Versuch, im Wagnis seiend“ (Duden, Herkunftswörterbuch, 4. Auflage, S. 179). Damit beschreibt es beides: Den abenteuerlichen Aspekt unserer Erfahrungen, gleichsam das Staunen des Kindes über die Unmittelbarkeit erlebten Lebens und zugleich unsere innere Reaktion, das, was wir hernach als „Erfahrung“ bezeichnen.
  2. Der Begriff „Philosophie“ wird in diesen Zusammenhängen nur vordergründig anders verwendet. Eine „Führungsphilosophie“ bspw. ist ja durchaus der Hinweis auf ein „weises Führen“. Damit greife ich etwas vor; der nächste Text-Absatz wird hoffentlich zur Klarheit beitragen.
  3. Nebenbei bemerkt: Was ist eigentlich „Esoterik“, dass sie in breiten Teilen der Gesellschaft einen solch angstauslösenden Ruf vor sich herträgt?
  4. Duden, Herkunftswörterbuch, 4. Auflage, S. 606
  5. Ebd., S. S. 189, 790. Merkwürdigerweise findet sich das Wort „Spiritualität“ nicht im Herkunftswörterbuch; übrigens ebenso wenig, wie das Wort „Esoterik“.
  6. Die Bibel (Luther-Bibel), 1. Mose 2,7, 1984.
  7. Natürlich lediglich bezogen auf die spezifische Art und Weise, in der wir Menschen diesen ultimativen Prozess erleben können. Damit bleibt offen, dass Leben vielleicht auch noch auf gänzlich andere Art erfahren werden kann.
  8. Dieses Dilemma betrifft auch diesen Text. So werde ich ab jetzt das Wort „Erleben“ im Sinne von „Sein“, „Seinserfahrung“, „Entität“ verwenden, während „Erfahrung“ weiter als Synonym für den Versuch steht, Sein zu beschreiben.
  9. Ein Resonieren wird zum Räsonieren …
  10. https://de.wikipedia.org/wiki/Spiritualit%C3%A4t (02.09.2015). Das legt nahe, dass eine (erste) Trennung von Welt und Spiritualität bereits durch das Aufkommen der Religionen forciert wurde.
  11. Auf eine ansprechende Art macht das z. B. Prof. Rolf Heilmann in seinem Buch „Auch Physiker kochen nur mit Wasser – Wo die Wissenschaft an ihre Grenzen gerät“. Ein sehr interessantes und kurzweiliges Gespräch mit dem Autor über sein Buch lässt sich im Klassiker-Fach von „Fragen an den Autor“ des Saarländischen Rundfunks anhören (Suchbegriff -> „Rolf Heilmann“) (10.09.2015)
  12. Duden, Herkunftswörterbuch, 4. Auflage, S. 931
  13. Duden, Herkunftswörterbuch, 4. Auflage, S. 921
  14. Siehe bspw. Geschichte der abendländischen Mystik, 4 Bde., Bd.1, Die Grundlegung durch die Kirchenväter und die Mönchstheologie des 12. Jahrhunderts, C. H. Beck, 2001, S. 132
  15. In diesem Zusammenhang sei auch an die Psalmen erinnert, die im Judentum und im Christentum eine besondere Rolle spielen. Hier könnte sich aber, durchaus zu recht, einwenden lassen, dass es sich bei den Psalmen in erster Linie um poetisch-religiöse Texte handelt – und nicht um philosophische. Die Frage nach dem Unterschied zwischen Philosophie und Religion bleibe ich an dieser Stelle schuldig.
  16. Schöne Sammlungen sind beispielsweise: Geschichten des Herzens (Jack Kornfield und Christina Feldmann, Arbor Verlag), Der Indianer & Die Grille: 238 Storys zum Nachdenken und Weitererzählen (Gerhard Reichel, Verlag Brigitte Reichel), Jeder Tag ein guter Tag – 365 Buddhistische Weisheiten (Vimalo Kulbarz, Theseus Verlag)
  17. Möglicherweise ist dieses Schwingen nicht von jedem zu spüren und es braucht eine gewisse Vorbereitung. „Wer Ohren hat zu hören, der höre.“ (z. B. Matthaeus 13:9)
  18. Martin Buber, Ich und Du, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1974
  19. Hiermit deute ich an, dass wir, auch in Momenten, die wir als tiefe Erfahrungen beschreiben, nichts „Neues“ erfahren, dass wir, als Teil des Lebens, bereits wissen. Doch das ist ein anderes Thema …
  20. Augustinus, Über das Glück, 4,35 https://de.wikipedia.org/wiki/Weisheit (12.09.2015)

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